Die kurze Linie
Im Südosten von Berlins innerem Ring zieht sich eine sanfte Schlucht zwischen den Herzen zweier eher bürgerlicher Stadtviertel. Diese Senke, von längst verschwundenen Gletschern ausgehoben, ist von beträchtlicher Länge, aber nicht sehr breit. Da ihr Boden zu weich zum Bebauen war, beschloss man um die Wende zum letzten Jahrhundert, sie zum Volkspark auszubauen. Bäume säumen die Ränder der Schlucht und schirmen die geneigten Rasenflächen und Spielplätze, die sich zwischen ihnen schmiegen, weiter ab. Eine eigentümliche Erscheinung, für einen Park, ist der Berliner U-Bahnhof Rathaus Schöneberg. Diese teutonisch neoklassizistische Station liegt wahrhaftig im Park. Die Gleise der U-Bahn verlassen die eine Seite der Schlucht und tauchen in die andere ein, geschützt vom steinernen Bau des Bahnhofs, der eine Brücke bildet, unter der man nicht hindurchgehen kann.
Als nicht-einheimischer Zugezogener aus den USA erlebte ich dieses seltsame Bauwerk zum ersten Mal beim nächtlichen Laufen auf einem Pfad, der dem Bogen der Schlucht folgt. Mir wurde eine lange, gedrungene Kathedrale mit den glänzenden Fenstern eines Glaspalastes gewahr. Sie schien das Ende des Tals zu markieren, und ich konnte ihren Zweck nicht erraten. Als ich näher kam, rollte hinter den hellen Scheiben die unverwechselbare senfgelbe Gestalt eines Berliner U-Bahnzugs ins Bild. Ich beschloss, weiterzulaufen, freute mich aber auf die Aussicht, den Bahnhof von innen zu erleben.
Das war ein vertrautes Muster meiner frühen Berliner Zeit, denn es gab viel zu sehen, das den eigenartigen Charakter der Stadt offenbart, und einsamen Neuankömmlingen fällt das Pläneschmieden leicht. Für jemanden, der weder am noch um das Rathaus etwas zu erledigen hat, sind die Chancen, durch die Station zu fahren, jedoch gering. Die Linie, die sie bedient, die U4, ist auffallend kurz. Die Hauptaufgabe ihrer 2,86 km und fünf Stationen besteht darin, den Stadtteil Schöneberg an das weitere Berliner Netz anzubinden. Die Tage vergingen, ich fuhr andere Strecken, zog in einen anderen Teil der Stadt. Schöneberg blieb das einzige Wort, an das ich mich halten konnte, ein Hinweis, der mich verwirrte, denn eine andere Station trägt diesen Namen. Als ich eines Tages die geschäftigere, fast gleichnamige Station durchquerte, fiel mir auf, dass sie von innen bei weitem nicht so schön ist und auch nicht in einem Park liegt. Die Zeit verging weiter, doch dieser Ausflug erlaubte mir, einen von zwei Kandidaten auf dem U-Bahn-Plan auszuschließen.
Nachdem ich die Sache eingegrenzt hatte, machte ich mich auf zum Innsbrucker Platz, der südlichen Endhaltestelle der U4. Im Einklang mit dem zierlichen Wesen der Linie bestehen die Züge, die sie bedienen, nie aus mehr als zwei Wagen und fahren alle zwanzig Minuten. Einer wartete am Bahnsteig, in Farbe und Länge an die Schulbusse meiner Heimat erinnernd. Ich stieg ein, und wenige Minuten später ruckte und stotterte der Zug aus der Station. Als wir in Rathaus Schöneberg einrollten, konnte ich endlich, mit einem gewissen Triumphgefühl, die unaufdringliche Erhabenheit erleben, gleichzeitig in einem Berliner Park und in der Berliner U-Bahn zu sitzen.
Die vielen Parks Berlins sind verlässliche Orte zur Erholung. Es ist eine unterschätzte Eigenschaft dieser Stadt, dass fast jede Wohnung etwas Gemeinschaftsgrün in der Nähe hat — oder einen U-Bahnhof in Reichweite, der einen dorthin bringt. In Zahl und Vielfalt sind die Berliner Parks auch Quellen großer Abenteuer und Geheimnisse. Jeder hat seine eigenen Eigenheiten, die Kenner entdecken können. Ein sonniger Tag stellt eine schwierige Frage: bei einer verlässlichen, bekannten Größe bleiben — oder sich in eine neue grüne Weite wagen.